Der Herbst des Mittelalters
Die von unserer IG für ihre Darstellung gewählte Zeit sind die zwei Jahrzehnte von 1470 bis 1490. Während in Italien längst die Renaissance angebrochen ist und Künstler wie Michelangelo und Leonardo da Vinci etliche ihrer berühmtesten Kunstwerke schaffen oder bereits geschaffen haben, erleben Mittel- und Westeuropa im ausgehenden 15. Jahrhundert den „Herbst des Mittelalters". So wie diese Jahreszeit sowohl von herbstlicher Farbenpracht als auch von Verfall und Vergänglichkeit geprägt ist, so erscheint die nordische Spätgotik bestimmt durch die ungeheure Spannung zwischen Krieg und Elend auf der einen und höfischer Prachtentfaltung auf der anderen Seite. Wie kein anderer europäischer Staat symbolisiert und illustriert das Herzogtum Burgund, dessen Kultur in vielen Bereichen auf seine Nachbarn ausstrahlt, dieses Spannungsverhältnis zwischen ernüchternder Realität und Flucht in die schöne Illusion, zwischen frühkapitalistischem Pragmatismus und idealisierender Rückwärtsgewandtheit. In dieser Übergangszeit entsteht in Flandern eine neue Art von realistischer Malerei, die wichtige Impulse für die gesamte europäische Kunst gibt. Als Auftraggeber für diese Kunstwerke treten vermehrt reiche Bürger auf, deren Porträts uns heute als authentische Vorlagen für unsere Kostüme und Ausrüstung dienen. Der Wohlstand Burgunds beruht nämlich im Wesentlichen auf dem Reichtum seiner nördlichen Provinzen, die seit damals als die „niederen Lande" bezeichnet werden. Diese städtereichste Region Europas schafft mit ihrem in Handel und Handwerk, insbesondere in der Textilindustrie, erarbeiteten Wohlstand und Steueraufkommen die Grundlage für die Prachtentfaltung und die politischen Ambitionen der Burgunderherzöge.
Der letzte Burgunderherzog Karl der Kühne (1467-1477), unter anderem auch
Schutzherr der Abtei St. Maximin bei Trier, setzt die Expansionspolitik seiner
Vorfahren fort. Mit dem friedlichen Erwerb der niederrheinischen Provinzen
Geldern und Zytphen erreicht das Herzogtum Burgund machtpolitisch seinen Zenit.
Aus diesem Anlass findet im Spätsommer 1473 in Trier ein
deutsch-burgundisches Fürstentreffen statt, an dem nachweislich auch Cuno
III. von Winneburg-Beilstein teilgenommen hat. Auf dem so genannten
„Trierer Fürstentag" versucht der Burgunderherzog von Kaiser
Friedrich, im Austausch für die Verlobung seiner einzigen Tochter Marie
mit Erzherzog Maximilian, von Kaiser Friedrich zum König der Römer
und damit zu seinem offiziellen Nachfolger vorgeschlagen und von den deutschen
Fürsten gewählt zu werden. Er scheitert in seinem Anliegen aber
nicht zuletzt auf Grund seiner übertriebenen Prachtentfaltung
und seinem herrischen Auftreten. 1475, rund zwei Jahre später, versucht
Karl, die Stadt Neuß am Niederrhein einzunehmen, muss aber nach einem
unentschiedenen Gefecht gegen das von Kaiser Friedrich geführte,
zahlenmäßig überlegene Reichsaufgebot den Rückzug
antreten. Bei diesem Reichsaufgebot war neben einem kurtrierischen Aufgebot mit
großer Wahrscheinlichkeit auch eine Abordnung
der Herrschaft Winneburg-Beilstein dabei. Ein Jahr später
scheitert Karls Strafexpedition gegen die Schweizer Eidgenossenschaft, die
zuvor in das Gebiet des mit Burgund verbündeten Herzogtums Savoyen
eingefallen ist. Dieses militärische Unternehmen, welches als
„Burgunderkriege" in die Geschichtsschreibung eingegangen ist, endet mit
den zwei katastrophalen Niederlagen von Grandson und Murten. Bei Nancy, am 5.
Januar 1477, verliert der letzte Burgunderherzog sein Leben bei dem Versuch,
seine lothringischen Eroberungen zu verteidigen. Wie sagten die Zeitgenossen:
„Bei Grandson das Gut, bei Murten den Mut, bei Nancy das Blut".
Trotzdem lebt das Herzogtum Burgund fort, zwar nicht als eigenständiger Staat, aber als „burgundischer Kreis" im habsburgischen Staatsverband; denn wider Erwarten überlebt das Ehegelöbnis von 1473 den Tod seines Urhebers. Ein halbes Jahr nach dem Tod Karls des Kühnen heiraten im flämischen Brügge Erzherzog Maximilian und Maria von Burgund. Den Versuch des französischen Königs sich der Grafschaft Flandern zu bemächtigen, kann Maximilian in der Schlacht von Guinegates im Jahre 1479 mit einer im Wesentlichen aus flämischen Milizen und süddeutschen Landsknechten bestehenden Armee abwehren.
Text: Dr. Ulrich Lehnart